Naturschutz: Citizen Science im Naturschutz

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Hintergrund

Im Naturschutz ist die Teilhabe von Ehrenamtlichen an Forschung und vor allem im Monitoring bereits ein integraler Bestandteil[1]. Die meisten Rote Listen werden in Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Expertinnen und Experten aus der Gesellschaft erstellt. Die naturkundlichen Vereine und Fachgesellschaften, sowie die Umweltverbände bilden ein Rückgrat für die Erfassung von Daten zur biologischen Vielfalt.

Beim Monitoring geht es um das systematische Erfassen von Daten (z.B. Verbreitung einer bestimmten Art), die die Analyse von räumlichen und zeitlichen Mustern und das Ableiten von konkreten naturschutzfachlichen Maßnahmen erlauben. Die Herausforderungen für jedes Monitoring - ob hauptamtlich oder ehrenamtlich - ist, dass es einerseits räumlich und zeitlich so ausgerichtet ist, dass robuste Daten gesammelt werden können, mit Hilfe derer signifikante Veränderungen in Raum und Zeit festgestellt werden können, andererseits aber die finanziellen und personellen Ressourcen nicht überstrapaziert werden.[2]

Citizen Science kann auch die Erforschung ganz konkreter Zusammenhänge und Probleme beinhalten und u.a. zielgerichtet für Naturschutzfragen Grundlagendaten schaffen bzw. Managementoptionen erarbeiten. So z.B. hatte das erste Citizen Science Projekt zum Ziel, Wasservögel, die zu Millionen für die Hutmacherei abgeschossen wurden, zu schützen. Also gründeten Harriet Hemenway und Mina Hall 1896 die Massachusetts Audubon Society. Weihnachten 1900 organisierte das Audobon Society Mitglied Frank M. Chapmann die erste Wintervogelzählung als Alternative zur jährlichen “Side Hunt”, in dessen Rahmen Jäger jedes Jahr zu Weihnachten darum wetteiferten, wer die meisten Vögel und Säugetiere erlegen konnte.[3] Mittlerweile finden weltweit zu unterschiedlichen Zeiten und von verschiedenen Organisationen (z.B. BirdLife, [www.dda-web.de DDA], NABU) Vogelzählungen oder 'Bioblitze' (z.B. [www.geo.de/GEO/natur/oekologie/tag_der_artenvielfalt Geotag der Artenvielfalt]) mit Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern statt.

Im Rahmen des GEWISS Projektes wurden zwei Dialogforen zum Thema Naturschutz durchgeführt, zum einen mit der [www.dbu.de Deutschen Bundesstiftung Umwelt] und zum anderen mit EUROPARC Deutschland und dem Biosphärenreservat Rhön als Gastgebern. Die Ergebnisse sind in zwei Berichte[4][5] und eine Anleitung zu Citizen Science in Nationalen Naturlandschaften[6] eingeflossen, die konkrete Hinweise für die Planung und Durchführung und die Beteiligung von Ehrenamtlichen, hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Schutzgebietsverwaltungen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bietet.

Manche naturschutzfachlich interessante Gebiete liegen auf Privatgrund und sind für die Wissenschaft oder Naturschutzbehörden nicht zugänglich. Dies können private Gärten oder auch Waldgebiete im Privateigentum sein. Hier kann Citizen Science z.B. die Grundbesitzer in die Forschung einbeziehen. Dies geschieht z.B. beim [www.mueckenatlas.de Mückenatlas Deutschland], bei dem Stechmücken u.a. in Privathäusern und Privatgärten gefangen werden und so auch schon zu neuen Art-Nachweisen für bestimmte Regionen geführt haben. So können diejenigen in die Forschung einbezogen werden, die auch das Management der Gebiete durchführen, und zu sonst unzugänglichen Gebieten wertvolle Daten erhoben werden. Diese Kombination kann zu nachhaltigem Naturschutz beitragen, solange die Kommunikation auf Augenhöhe und in gegenseitigem Verständnis durchgeführt wird.[2]

Beispiele

Citizen Science Projekte im Bereich Naturschutz bieten die Möglichkeit für Engagement für viele Menschen, die sich für die Natur interessieren und sich auch gerne in ihr bewegen. Bereits Kinder arbeiten begeistert im Rahmen von unterschiedlichen Citizen Science Projekten mit.

Das Projekt “Viel-Falter” der Universität Innsbruck beispielsweise ist ein Tagfalter-Monitoring, bei dem seit einigen Jahren Schülerinnen und Schüler einen wichtigen Beitrag zu einem dauerhaften Biodiversitäts-Monitoring in Österreich leisten.[7] Seit Sommer 2015 ist dieses Projekt auch für interessierte Erwachsene geöffnet. In Deutschland gibt es ein ähnliches Projekt, nämlich das [www.tagfalter-monitoring.de Tagfalter-Monitoring Deutschland] (TMD) bereits seit 2005[8].

In England ist das Projekt “Harlequin Ladybird Survey” sehr erfolgreich damit, Daten zur Ausbreitung einer invasiven Art, dem Asiatischen Marienkäfer (Harmonia axyridis) mit Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern zu sammeln.[9]

Das Projekt Wildkatzensprung des BUND untersucht die Ausbreitung der Europäischen Wildkatze und wurde zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung durchgeführt. Nach mehr als drei Jahren konnte die Gendatenbank der der Europäischen Wildkatze vorgestellt werden, die wertvolle Erkenntnisse für den Natur- und Artenschutz liefert – ein riesiger Wissensschatz für Menschen im Naturschutz, in Forschung und Politik.

Die Machbarkeitsstudie Lebendiger Atlas - Natur Deutschland erkundet in Zusammenarbeit mit Fachgesellschaften und Verbänden die Möglichkeit, Daten zu Biologischen Vielfalt in Deutschlandzusammenzuführen und Kapazitäten für ehrenamtliches Monitoring durch Vernetzung und Qualiifikationsangebote zu stärken.

Herausforderungen

Citizen Science kann dazu beitragen, ein Monitoring für große Gebiete über lange Zeiträume zu ermöglichen, jedoch ist der zeitliche und finanzielle Aufwand nicht zu überschätzen. Oft sind es Expertinnen und Experten aus der Gesellschaft, die die größte Artenkenntnis mitbringen und daher auch regelmäßig zu Rate gezogen werden. Bei einem breit angelegten Citizen Science Projekt, bei dem auch Anfängerinnen und Anfänger mitmachen können, oder bei dem z.B. schwierig zu erkennende Arten erfasst werden, bedarf es einer intensiven Schulung der Teilnehmenden durch Expertinnen und Experten. Bei Citizen Science Projekten ist es wichtig, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer wieder Rückmeldung über Ergebnisse oder Entwicklungen im Projekt mitzuteilen und Feedback zu eventuellen Fragen zu geben. Dieser Betreuungsaufwand  muss in der Projektplanung unbedingt berücksichtigt werden. In Citizen Science Projekten kann es eine natürliche Fluktuation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geben, die durch Einbindung neuer Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgeglichen werden muss um ein gleichmäßiges Monitoring zu gewährleisten.

Die oft geäußerte Kritik, dass die Qualität von Daten aus Citizen Science Projekten nicht ausreichend wäre und daher nicht sinnvoll verwendet werden können, ist nicht gerechtfertigt. In einer Arbeit von Schmeller et al. (2009) konnte gezeigt werden, dass die Datenqualität durchaus mit professionellen Monitorings vergleichbar und gegenüber diesen auch deutlich kostengünstiger war. Es müssen jedoch sowohl die intra-, als auch internationale Vergleichbarkeit der Daten garantiert sein, um ein effektives Monitoring durchführen zu können.[2]

Literatur und Linkliste

  1. Cooper C.B., Dickinson J., Phillips T., Bonney, R. (2007): Citizen science as a tool for conservation in residential ecosystems. Ecology and Society 12 (11).
  2. 2,0 2,1 2,2 Schmeller, D.S., Henry, P.Y., Julliard, R., Gruber, B., Clobert, J., Dziock, F., Lengyel, S., Nowicki, P., Deri, E., Budrys, E., Kull, T., Tali, K., Bauch, B., Settele, J., Van Swaay, C., Kobler, A., Babij, V., Papastergiadou, E., Henle, K.,(2009): Advantages of Volunteer-Based Biodiversity Monitoring in Europe. Conservation Biology 23: S. 307–316.
  3. Audobon Society
  4. Richter, A., Pettibone, D., Mahla, A., Turrini, T. & Bonn, A. (2015) GEWISS Dialogforum: Bürger zwischen Engagement und Wissenschaft- Citizen Science: Perspektiven, Herausforderungen und Grenzen. GEWISS Bericht Nr. 4. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, Leipzig; Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, Berlin-Brandenburgisches Institut für Biodiversitätsforschung (BBIB), Museum für Naturkunde, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung - MfN, Berlin. http://www.buergerschaffenwissen.de/sites/default/files/assets/dokumente/gewiss_4_dbubericht.pdf
  5. Richter, A., Mahla, A., Schierenberg, A., Raab, T., Karrasch, P. & Bonn, A. (2015) GEWISS Dialogforum: Bürgerwissenschaften in den Nationalen Naturlandschaften – Wie können Ehrenamt, Naturschutz & Forschung für Nachhaltige Entwicklung in Schutzgebieten gestärkt werden? GEWISS Bericht Nr. 9. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, Leipzig; Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, Berlin-Brandenburgisches Institut für Biodiversitätsforschung (BBIB), Museum für Naturkunde, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung - MfN, Berlin. http://www.buergerschaffenwissen.de/sites/default/files/assets/dokumente/gewiss_bericht9_final.pdf
  6. Schierenberg, A., Richter, A., Kremer, M., Karrasch, P. & Bonn, A. (2016) Anleitung zur Entwicklung von Bürgerwissenschafts-Projekten - Citizen Science in den Nationalen Naturlandschaften. EUROPARC Deutschland, Berlin; Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, Leipzig. http://www.buergerschaffenwissen.de/citizen-science/ressourcen
  7. Projekt Vielfalter, Universität Innsbruck
  8. Tagfalter-Monitoring Deutschland
  9. Harlequin Survey

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